akteuller Newsletter

Dort wo der Todai seinen Sifu trifft, ist immer der Anfang

Eine leidenschaftliche Fürsprache für einen gewissenhaften Beginn, der alles an Form enthält.

Wie fängt der Schüler an zu lernen, und zwar richtig? Gibt es überhaupt ein Falsch? Ist nicht jeder Schritt in der Kampfkunst wichtig zum Verständnis, so auch ein vermeintlicher Rückschritt?

Es steht geschrieben, dass aller Anfang schwer ist. Besonders für die Kampfkunst trifft das zu, denn hier handelt es sich nicht nur um ein profanes System zur Körperertüchtigung, nein, es geht auch darum den Geist zu schulen. Dies zeigt sich darin, dass chinesische Kampfstile durchwirkt sind von philosophischen und familiär-gemeinschaftlichen Ansichten, ethischen Grundsätzen, medizinischem Wissen und – besonders bei den älteren Stilen - der Religion des Taoismus. Sie, und noch ein paar Ideen mehr, treten beim ersten flüchtigen Betrachten kaum offen zu Tage, doch wenn man genau hinsieht, finden sie sich in jeder Faser des Trainings wider, angefangen von den Umgangsformen untereinander, besonders natürlich gegenüber dem Sifu, über die Dualität einzelner Techniken und ihrer Ausführung in Hinsicht von Ying und Yang, bis hin zur geistigen Haltung, was den Kampf betrifft.

Hierin offenbart sich die komplexe Fülle innerhalb der Systeme, die in ihrer Wirkung weit über eine bloße Selbstverteidigung hinausgehen. Nach Jahren der Übung liegt das Wissen nicht mehr wie eine zweite fremde Haut über einem drüber, sondern die Bewegungen sind tief in das Herz eingegangen und haben es durchdrungen, sie werden ge-lebt. So wird selbst eine vorerst kaum beachtete, vielleicht sogar triviale Verrichtung im Alltag zu einer unerschöpflichen Quelle der Erfahrung, weil sich die Essenz ihrer selbst einem blütengleich anmutig geöffnet hat.

Aber noch ist das alles verborgen, noch sind nur die oberflächlichen, leicht sichtbaren Anteile zu erkennen und zu erfahren; Das ist der Anfang: Das Erlernen der grundlegenden Techniken.

Wird ein Jemand von einem Sifu als dessen Todai angenommen, steht dem Schüler ab diesem denkwürdigen Zeitpunkt ein reichhaltiges Wissen zur Verfügung, dem er sich sehr langsam nähern sollte, um mit Geduld und Hingabe das nebulöse Mysterium zu erkunden. Denn Eile schadet hier nur. Springt der Schüler ungeduldig die Leiter des Wissens hinauf, fehlt ihr der sichere Stand, weil sie nicht richtig im Boden befestigt wurde. Es ist wie bei einem kleinen Kind, zuerst muss es lernen zu stehen, bevor es laufen kann. Rennt es gleich los, fällt es auf unsicheren Beinen hin.

Für diese sicheren Beine gibt es die Formen. Sie helfen das erste Verständnis von dem aufzubauen, was noch vor dem Schüler liegt. Ihnen entspricht das Bild des sicheren Bodens, der fest und eben sein sollte, damit das Leitergerüst auf ihm nicht zu wackeln beginnt.

Doch das ist nicht ihre alleinige Daseinsberechtigung. Der Fortgeschrittene überprüft später hierin seine Genauigkeit und fügt sein gesammeltes Wissen zusammen, somit dehnt sich die benutzbare Fläche immer weiter aus. Außerdem wird sie stabiler und kann damit auch höheren Anforderungen stand halten.

Somit erklärt sich die frühe Verwunderung für den Todai später von selbst, warum er seinen Sifu immer ausgiebig beim Formen-Laufen gesehen hat, wobei dieser sie doch längst auswendig kennen müsste. Hier, mit der ersten Bewegung, hat alles begonnen und hier beginnt die Suche nach Perfektion immer von Neuem. Sifu Tjoeng Lie schrieb dazu, dass auch wenn die höchste Perfektion kaum zu erreichen ist, so wird mit jeder weiteren Übung die Körperhaltung, Bewegung und bewusste Führung von Bewegung, Atmung und Qi stets besser. Für den praktizierenden Kampfkünstler ist demnach jeder bewusste Rückschritt zum Anfang ein weiterer Schritt nach vorne.

Wir treffen uns dort! Jeden Tag.

f.