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ZEN im Wing Tsun

Das ZEN-te Gebot im Wing Tsun ist der philosophische Nebenarm des einen Flusses, aus dem alle Kampfkünste entsprungen sind. Aus ihm zu trinken, bedeutet seine eigene Kunst zu leben und nicht nur zu er-leben; sie ist die Essenz, die zur Meisterschaft führt und befreit somit von Aggressionen, Verblendung und falscher Leidenschaft - hervorgerufen allein durch Selbsterkenntnis. Laotse sagte dazu, dass es weise ist, andere zu erkennen, aber wer das bei sich selbst vollbringt, Erleuchtung erfährt.

Um diesen erhellenden Fluss nicht nur zu befahren, sondern sich mit ihm zu verbinden, bedarf es zuerst dem technischen Verständnis von Wing Tsun. Der Körper muss verstehen lernen und sich die Techniken zu eigen machen, welches nur gelingen kann, wenn der Umfang dessen so gestaltet wird, dass der Körper nicht mehr lernt, sondern er verstanden hat. Jede Zelle ist dann wissend.  Das setzt einen Umfang eines täglichen Trainings von zehn Stunden voraus, welches zehn Tage andauert und sich immer auf eine einzelne Technik bezieht.

So kommt man auf vielleicht 10.000 Bewegungswiederholungen, die sich vom Anfang bis zum Ende ziemlich ähneln, denn es findet dabei ein gewollter Prozess der Angleichung zwischen der starren Form und dem lebendigen Körper statt. Der erste aller ausgeführten Kettenfauststöße ähnelt nämlich überhaupt nicht denen, die folgen; der Körper lernt, versteht, wendet an.

Wie das Training auch aussieht, die hohe Anzahl von Wiederholungen einer genau definierten Bewegungsfolge und ihre geduldige Ausführung in reinster Form, ist der eine Teil des Ganzen, es ist die eine Seite der Münze, ohne welche die andere nicht existieren kann – ohne das Gegenstück, wäre sie wertlos. In ihr steckt das Yang, ohne dass das Ying nicht existieren kann, und D.T. Suzuki beschrieb diesen Zustand der sich bedingenden und gleichzeitig polarisierenden Kräfte so:

„Die Kenntnis der Technik reicht nicht aus.

Man muss die Technik transzendieren,

damit die Kunst eine kunstlose Kunst wird,

die dem Unbewussten entspringt.“

Um der Wahrheit nahe zu kommen, geht es darum die Technik zu meistern, um sie dann wieder hinter sich zu lassen, tief in seinen Geist einzutauchen und sich dem Unbewussten bewusst hingeben, ohne gleichzeitig untätig zu sein. Dieser Zustand wird im Japanischen Mushin no shin genannt und bedeutet eine ursprüngliche Natürlichkeit im Geist, der nun selbst nicht mehr aktiv und absichtsvoll in das Geschehen eingreift, sondern frei von Emotionen und Anhaftungen ganz im Augenblick verweilt.

Eindrucksvoll meistern das neugeborene Kinder: Ihr Bewusstsein strömt ungebunden durch den Körper, weil keine Vergangenheit oder Zukunft existend sind, sondern nur eine Aufgabe im gegenwärtigen Moment Raum eingenommen hat. In dieser Augenblicksbewegung von Körper und Geist gibt es jeweils nur ein Ziel, wie hier, die Stillung des Hungers. Es gibt keinerlei Anhaftung.

Der Weg des Wing Tsung-Künstlers führt demnach zu einer absichtslosen Reaktion auf eine Situation, ohne aktiv einzugreifen, noch  bevor ein Angriff überhaupt eintritt, das heißt, er ist schneller und gradliniger als jedes Kleinkind. Keine Gedanken, Ideen oder Gefühle – wie Furcht, Stolz, oder ähnliches – beeinflussen die natürlichen Fähigkeiten, wenn die intensiv eingeübte Technik über den Körper tief in den Geist eingegangen und eine intuitive Einheit geworden ist. Dadurch entsteht ein Loslassen vom Wollen, dem Verlangen und Beherrschen, was gleichbedeutend ist mit dem Zustand der Ichlosigkeit, der den Wing Tsung'ler im wahrhaftigen Hellwachsein leben lässt – über das Denken und die Technik hinaus.

In diesem Nicht-Bewusstsein, dessen Augenblick klarer nicht sein kann, findet jedes Handeln ohne zu handeln statt. So werden gerade anstehende Dinge, getan, als wären sie nichts Besonderes, in deren keinerlei Anhaftung liegt und nur der Augenblick bestand hat. Doch das bezieht sich nicht nur auf jeden noch so kleinen Aspekt des Trainings, denn wer selber scheinen will, der wird niemals erleuchtet, wie Laotse dazu anmerkte. Außerhalb des Übungsraumes lebt die Kampfkunst weiter.

Hierin zeigt sich, dass Wing Tsun in seiner Philosophie nicht nur auf einer einfachen Dualität aus Hart und Weich oder Schnell und Langsam basiert, sondern aus den tiefgreifenden Aspekten von Ying und Yang, die den Kampfkünstler zur wahren Meisterschaft des Lebens verhelfen können. Zen verhilft dazu dieses Wesen zu verstehen, über die selbst gesteckten Fähigkeiten hinaus zu gehen und sich dem Fluss des Lebens anzuvertrauen

f.